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Interview

Florian Hörmann ist Projektleiter der Online-Plattform „Zum Beispiel Eichgraben“.



tl_files/drehscheibe/Themen/Interviews/Interviews_2016/FlorianHoermann.jpgFoto: Tobias Holub

„Geht raus und sucht die Geschichten!“

„Zum Beispiel Eichgraben“: So lautet der Name eines journalistischen Online-Projekts, für das Wiener Journalismus-Studenten loszogen, um in der österreichischen Marktgemeinde Eichgraben das Zusammenleben von rund 120 Flüchtlingen und 4.000 Einheimischen zu porträtieren. Herausgekommen ist eine vielseitige Online-Plattform mit unterschiedlichsten journalistischen Formaten. Wir haben mit dem Projektleiter über Feldforschung, gute Nachrichten im Zeichen der Integration und ebenso gute Umsetzungen im Netz gesprochen.

Zur Webseite des Projekts

Herr Hörmann, die Webseite zbeichgraben.at vereint mehr als 35 Beiträge – für ein Studentenprojekt eine beachtlicher Content. Wie kam es zur Zusammenarbeit zwischen den Eichgrabenern und 38 Studenten aus Wien?



In dem Kurs „Investigativer Journalismus“ erzählte uns unser Dozent, Florian Klenk von seiner Idee, sein Heimatdorf Eichgraben journalistisch „zu vermessen“. Er berichtete uns von den Dorfbewohnern und den 120 Flüchtlingen, die dort größtenteils vorbildlich integriert sind und sich selbst als Teil des Dorfes verstehen. Herr Klenk ist gleichzeitig auch Chefredakteur der Wiener Stadtzeitung Der Falter, wollte aber für die Berichterstattung des Dorfes ein eigenes Format finden, was offen für die vielen verschiedenen Geschichten und Lebensläufe der Personen ist. Dann schickte er uns mit der Aufforderung „Raus mit Euch, fahrt nach Eichgraben und sucht dort Eure Geschichten!“ in das Dorf, weil er wusste, dass die Geschichten dort quasi auf der Straße liegen. Wir sind dann mit dem Zug nach Eichgraben gefahren und haben losgelegt.



Das klingt ja nach einer spontanen Feldforschung. Haben Sie sich vorher bei den Flüchtlingen und Dorfbewohnern angekündigt?



Nein, im Grunde hat uns Herr Klenk die Idee mitgegeben und uns dann alleine machen lassen. Aber natürlich gab es Vorgespräche – schon allein, weil wir nicht wollten, dass die Flüchtlinge zum Beispiel durch die Rekapitulation ihrer Fluchtgeschichte wieder traumatisiert werden. Es gibt vor Ort die Organisation Mosaik, eine gemeinnützige Organisation, die mit der Gemeinde zusammenarbeitet und die Flüchtlingsarbeit vor Ort koordiniert. Die gaben dann in Zusammenarbeit mit Psychologen die Spielregeln vor. Die Flüchtlinge, die mit uns über ihre Geschichte sprechen wollten, konnten sich dann bei uns melden. Aber vor allem die Dorfbewohner haben wir größtenteils einfach auf der Straße angesprochen und dann wurden wir weitergereicht und die Sache lief.



Wie lief die Kommunikation mit den Flüchtlingen dann konkret ab?



Aus dem Freundeskreis konnten wir Übersetzer mitnehmen, die geholfen haben. Viele konnten aber auch sehr gut Englisch und einige hatten sogar schon Deutsch gelernt. Der Rest kommunizierte mit Händen und Füssen.



Gab es eine grobe inhaltliche Linie für das Projekt, eine These oder Leitgedanken?

 

Nicht wirklich. Wir wollten so viel wie möglich die Leute für sich sprechen lassen –der Leitgedanke des positiven Zusammenlebens war aber schon so etwas wie ein roter Faden. Flüchtlinge und Einheimische wurden teilweise zusammen, aber auch ganz getrennt mit ihren Geschichten dargestellt – denn auch bei den Einheimischen gab es so viele interessante Lebensläufe, etwa von älteren Dorfbewohnern, die selbst einmal flüchten mussten oder Jugendliche, die erzählen, wie es ist, in Eichgraben zu leben.



Auf ihrer Plattform gibt es die unterschiedlichsten Formate – welche eignen sich besonders gut für Umsetzungsbeispiele, die Sie anderen Lokaljournalisten empfehlen würden?



Wer auf unsere Seite geht, sieht, dass es sowohl ganz kleine Umsetzungen gibt, wie etwa die Rubrik „5 Eichgrabener, 5 Flüchtlinge, 5 Worte“, in der verschiedene Dorfbewohner zu Begriffen wie „Liebe“, „Kochen“, „Frau“ ihre Assoziationen mitteilen. Oder Flüchtlinge einfach ihre deutschen Lieblingsworte sagen und kurz begründen, warum sie dieses Wort gerne mögen. Aber auch aufwendigere multimediale Beiträge, wie die Rekonstruktion eines Fluchtweges aus Syrien, den der User interaktiv auf der Landkarte verfolgen kann und an den einzelnen Stationen Video- und Audiobeiträge des Flüchtlings hört. Dazu gibt es Reportagen, die wir mit kleinen Audiospuren aufgelockert haben oder eine multikulturelle Gute-Nacht-Geschichten-Sammlung. Ich denke, hier kann jeder fündig werden.



Wie lange haben Sie und Ihr Team für die Erstellung der Webseite gebraucht?



Wir hatten zwei Abschnitte mit jeweils vier Wochen: Der erste Abschnitt war zur Themenfindung gedacht. Auf dieser Basis haben wir dann die Formate und Themen festgezurrt und sind im zweiten Abschnitt für die Beiträge nochmal lang losgezogen. Jeder hat soviel gemacht wie er wollte, und auch nach seinen Fähigkeiten gearbeitet –Kamera, Schnitt, Interviewführung, Reportage – jeder konnte sein Spezialgebiet ausreizen. Die technische Umsetzung und den Feinschliff beim Layout habe ich  schließlich mit 10 Leuten noch einmal rund drei  Wochen koordiniert, dann ging die Seite online. Begleitend dazu haben wir getwittert und den Facebook-Account bespielt.



Gibt es auch Dorfbewohner, die nicht so glücklich sind mit der Situation?



Die gibt es, klar. Es gibt viele Bewohner, die mit dem Gemeinderatsbeschluss, die Flüchtlinge nach Eichgraben zu holen, nicht einverstanden waren. Wir haben die Gerüchte und Vorfälle in einem „Gerüchtequiz“ auf die Webseite geholt und konnten so auch negative Geschichten auffangen und in unser Projekt integrieren.



Würden Sie das Projekt unter dem Stichwort Constructive Journalism laufen lassen?

 


Selbstverständlich. Das ist natürlich genau das, was wir in Eichgraben gemacht haben, auch wenn das nie geplant war: Einfach ein positives Beispiel von Integration vorstellen, Lösungsansätze zeigen und vor allem den Flüchtlingen selbst eine Stimme geben. Deswegen haben wir letztendlich den Titel auch genau so gewählt. Wir wollten einfach sagen: „ Guckt mal, wie es auch gehen kann.“ Aber uns war es stets ein Anliegen, dass man da Menschen vor sich hat, dass die Geflüchteten Menschen sind und nicht bloß eine gute – positive –  Story.

Interview: Cosima Grohmann

 

Veröffentlicht am 8. August 2016

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