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Christian Jakubetz ist Journalist, Trainer und Berater.

Christian Jakubetz ist Journalist, Dozent und Berater.

„Alle fordern multimedialen Journalismus, aber keiner sagt, wie das wirklich geht“

„Universalcode“ heißt ein neues Lehrbuch für Journalisten, das, schon lange bevor es erschienen ist, für Wirbel sorgt. Der Journalist Christian Jakubetz hat das Buchprojekt vergangenes Jahr ins Leben gerufen, weil es seiner Ansicht nach kein zeitgemäßes Lehrbuch für Journalismus gibt. Seither können die zukünftigen Leser die Entstehung des Werks im Blog von Christian Jakubetz begleiten. Sie entscheiden letztlich auch darüber, ob es überhaupt erscheinen wird. Wer das Projekt unterstützen und ein Buch vorbestellen möchte, kann das bei Euryclia tun.

Herr Jakubetz, würden Sie Journalistenschülern noch empfehlen, den Schneider/Raue zu lesen?

Unbedingt. Wenn Sie etwas über die journalistischen Grundlagen erfahren wollen, wenn Sie wissen wollen, wie man eine Nachricht oder eine Reportage schreibt, dann finden Sie das dort. Auch wenn sich der Journalismus wandelt, sind die Grundlagen ja noch dieselben. In solchen Lehrbücher steht nichts Falsches, es gibt allerdings eine Menge, was fehlt. Die ganzen Entwicklungen, die es seit 1995 im Journalismus gibt, kommen in vielen Standardwerken nicht vor.

Das wollen Sie jetzt ändern, indem Sie ein neues Journalismuslehrbuch herausbringen.

Mir ist einfach aufgefallen, dass ein Handbuch fehlt, das sich gezielt den neuen Themen, Darstellungsformen und Arbeitsweisen im Journalismus widmet. Ein Standard-Lehrbuch für digitalen Journalismus sozusagen. Das fängt beim Datenjournalismus an, der immer wichtiger wird, geht weiter über Mobile Reporting, hyperlokalen Journalismus, Webvideos, Audioslideshows und die ganzen Darstellungsformen im Netz bis hin zu Social Media. Wenn ich Seminare gebe, merke ich immer wieder, wie groß der Bedarf bei diesen Themen ist. Dabei geht es gar nicht mal um Expertenwissen, sondern oft um grundlegende Dinge wie etwa den Umgang mit Twitter.

Der Titel von „Universalcode“

„Universalcode“ soll das Buch heißen. Das klingt eher nach einer Informatikerbibel.

Der Begriff Universalcode kommt auch aus der Informatik. Wir haben lange über einen Titel nachgedacht und nichts Passendes gefunden. Einen abgegriffenen Titel wie „Journalismus 2.0“ wollte keiner. Also habe ich mal bei Wikipedia nach Begriffen gesucht und bin dabei auf "Universalcode" gestoßen. Der Begriff ist schön vieldeutig, und schließlich verlangt man ja auch vom Journalismus, dass er universal ist.

Erstaunlicher als der Titel ist allerdings die Tatsache, dass Sie das Buchprojekt begonnen haben, ohne dass Sie Autoren, einen Verlag oder selbst Zeit dafür hatten. Wie kam es dazu?

Das war einer dieser Zufälle, die es nur im Netz gibt. Ich war gerade von einem Seminar zurückgekommen, und beim Joggen ging mir durch den Kopf, was ich von Volontären und Studierenden immer wieder höre: Alle fordern von uns multimedialen Journalismus, aber keiner sagt uns, wie das wirklich geht. Nirgends steht geschrieben, was ein Journalist heute alles können muss. Daraufhin habe ich in einen Blogbeitrag geschrieben, dass es an der Zeit wäre, mal ein Lehrbuch für digitalen Journalismus herauszubringen. Am nächsten Tag hatte ich fast 100 Mails im Postfach. Alle von Leuten, die das für eine gute Idee hielten und mitmachen wollten. Da hatte ich bereits mehr potentielle Autoren, als ich im Buch unterbringen konnte. Im nächsten Blogbeitrag fragte ich daraufhin in die Runde: „Meint Ihr das ernst?“, und nach ein paar Wochen habe ich dann gemerkt, dass ich aus der Nummer nicht mehr herauskomme.

Seitdem begleiten Sie die Entwicklung des Buches in Ihrem Blog. Die zukünftigen Leser können die Entwicklung beobachten, Einfluss nehmen und finanziell unterstützen. Machen Sie mit dem Buchprojekt schon mal vor, wie das journalistische Publizieren im Netz einmal aussehen könnte?

Das war nicht bewusst geplant, aber man kann auf diese Weise schon zeigen, wie einfach es ist, im Internet etwas mit anderen Leuten zu gestalten, das man alleine nicht hätte realisieren können. Ich bin auch überzeugt, dass das Buch schlechter geworden wäre, wenn jeder im eigenen Kellerchen gearbeitet hätte, ohne die Kommunikation mit den anderen Autoren und den Nutzern.

Da erstaunt es wiederum, dass Sie „Universalcode“ als gedrucktes Buch herausbringen wollen und nicht als Webseite.

Das eine schließt das andere ja nicht aus. Wir werden auch ein Multiautorenblog zu dem Buch starten, die Domain ist schon gesichert. Aber wir sind eine relativ kleine Gruppe, die an dem Projekt arbeitet, und wir konzentrieren unsere Energie erst mal darauf, das Buch fertig zu machen. Ursprünglich hatte ich auch den Gedanken, dass Buch nur als E-Book herauszubringen, aber aus der Community kam mehrfach der Wunsch, das in gedruckter Form zu publizieren.

Und wann wird das sein?

Ob und wann das Buch erscheint, hängt davon ab, wie viele Leute es vorbestellen. Wir bringen das Buch über die Verlagsplattform Euryclia heraus. Deren Modell funktioniert so, dass ein Buch nur dann erscheint und gedruckt wird, wenn sich genug Leute finden, die es vorbestellen. Die magische Grenze liegt bei 1000 Subskribenten. Da wir aber bereits jetzt mehr als 700 Bestellungen haben, rechne ich damit, dass unser Buch irgendwann im Sommer herauskommen wird.


Interview: Jan Steeger

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